Ein Dekubitus – umgangssprachlich auch Druckgeschwür oder Druckulkus genannt – ist eine Schädigung der Haut und des darunter liegenden Gewebes. Sie entsteht, wenn anhaltender Druck beim Liegen oder Sitzen die Durchblutung in einem bestimmten Körperbereich beeinträchtigt. Ohne ausreichende Blutversorgung werden die Zellen in diesem Bereich nicht mehr mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt – sie beginnen abzusterben. Anfangs ist an den gefährdeten Körperstellen nur eine Rötung der Haut zu beobachten. Diese Stelle kann sich rasch zu einer offenen Wunde entwickeln. In schweren Fällen reicht sie sogar bis zu den Knochen und kann dann lebensbedrohlich sein.
Was sich nach einem rein körperlichen Vorgang anhört, hat immer auch eine menschliche Dimension: Ein Dekubitus ist fast immer vermeidbar. Er entsteht nicht einfach – er entsteht dann, wenn Druck zu lange, zu intensiv und unbemerkt auf dieselbe Stelle einwirkt. Genau deshalb sind Aufmerksamkeit und regelmäßige Körperbeobachtung in der Pflege so unschätzbar wertvoll.
Für die Entstehung eines Dekubitus spielen zwei Faktoren die entscheidende Rolle: die Intensität des Drucks und die Dauer seiner Einwirkung auf die Haut. Schon ein geringer Druck kann nach einigen Stunden irreversible Gewebeschäden verursachen, wenn er dauerhaft auf denselben Körperbereich einwirkt.
Nicht nur Druck schädigt die Haut. Auch Scherkräfte sind gefährlich – und werden häufig unterschätzt. Wenn jemand im Bett nach oben gezogen wird oder im Sitzen nach unten rutscht, passiert etwas, das von außen unsichtbar bleibt: Die oberste Hautschicht verschiebt sich, die tiefer liegenden Schichten bleiben stehen. Das Gewebe wird regelrecht auseinandergezogen. Die Folge ist ein Dekubitus, der nicht an der Oberfläche beginnt – sondern in der Tiefe.
Warum spricht man von Dekubitusgraden?
Wie schwer ist ein Dekubitus? Wie weit hat er das Gewebe geschädigt? Und was bedeutet das für die Behandlung? Um diese Fragen einheitlich zu beantworten, gibt es Dekubitusgrade (auch Dekubitusstadien, oder -kategorien). Dekubitusgrade beschreiben das Ausmaß der Gewebeschädigung.
Sie geben Ärzten, Pflegekräften und Hilfsmittelversorgern eine gemeinsame Sprache. Eine Grundlage, um den Schweregrad zu beurteilen, die richtige Behandlung einzuleiten und die Versorgung des Patienten abzustimmen.
Die heute in Medizin und Pflege am häufigsten verwendete Einteilung stammt von der EPUAP – dem European Pressure Injury Advisory Panel. Sie umfasst vier Stadien und zwei weitere Kategorien.
Grad/Stadium 1
Bei einem Dekubitus der Kategorie I nach EPUAP handelt es sich um eine lokal begrenzte, gerötete Hautstelle. Die Hautoberfläche ist bei dieser Dekubituskategorie noch intakt. Eine Schwellung der Haut ist aber möglich. Als erste Beschwerden kann leichtes Brennen auftreten. Man spricht bei dieser Kategorie auch von einer nicht wegdrückbaren Hautrötung.
Wichtig zu wissen:
Die verfärbte Haut zeigt, was darunter passiert: Die Durchblutung ist gestört, das Gewebe wird nicht mehr ausreichend versorgt. Das ist eine Gewebeschädigung und sie erfordert sofortige Maßnahmen zur Druckentlastung.
In der Praxis hört man häufig: „Es ist noch kein Dekubitus, nur eine Rötung." Dieser Satz ist fachlich falsch. Und er ist gefährlich. Wer jetzt nicht handelt, riskiert aus einer behandelbaren Rötung eine schwere, tiefgreifende Hautverletzung.
Grad/Stadium 2
Bei einem Dekubitus der Kategorie 2 nach EPUAP handelt es sich um eine Teilzerstörung der Haut, die sich als oberflächliche, offene Wunde oder mit einem wässrigen Sekret gefüllte Blase zeigt. Aufgrund der offenen Wunde besteht ein Infektionsrisiko und es ist eine Wundbehandlungspflege erforderlich. Die betroffene Hautstelle ist feucht und empfindlich, es sind Schmerzen an der betroffenen Stelle möglich.
Wichtig zu wissen:
Eine offene Wunde, auch wenn sie klein erscheint, duldet keinen Aufschub. Ohne konsequente Druckentlastung und Wundversorgung kann sich eine Kategorie-2-Wunde schnell in eine tiefere, schwerwiegendere Verletzung verwandeln. Was heute noch behandelbar ist, wird morgen komplizierter. Wir umsorgen bedeutet in diesem Stadium mehr als Wundversorgung. Es bedeutet, den Menschen dahinter zu sehen. Schmerzen, Schamgefühle und Unsicherheit. All das gehört zu dieser Phase. Und all das nehmen wir ernst.
Grad/Stadium 3
Ein Dekubitus der Kategorie 3 ist eine offene Wunde, bei der alle Hautschichten geschädigt sind. Es kann Fettgewebe unter der Haut sichtbar sein, aber Knochen, Sehne oder Muskel liegen nicht offen. Die Wunde kann belegt sein und es können sogenannte tiefe Wundtaschen vorliegen, bei denen kein Kontakt zwischen dem Wundgrund und dem Wundrand besteht. Die Tiefe eines Dekubitus der Kategorie III kann je nach Körperstelle unterschiedlich sein. Es besteht ein erhöhtes Infektionsrisiko.
Wichtig zu wissen:
Die Behandlung erfordert jetzt ein strukturiertes Wund- und Hilfsmittelmanagement, unter Einbezug spezialisierter Fachkräfte.
Grad/Stadium 4
Ein Dekubitus der Kategorie 4 ist die schwerste Form des Dekubitus. Es besteht ein vollständiger Gewebeverlust, bei dem Knochen, Sehnen oder Muskeln freiliegen. Diese Wunden können Nekrosen (abgestorbenes Gewebe), Schorf und tiefe Wundhöhlen aufweisen. Das Risiko für schwere Infektionen, eine Sepsis (Blutvergiftung) oder Osteomyelitis (Knochenentzündung) ist in diesem Stadium erheblich. Die Betroffenen haben in der Regel starke Schmerzen. Bei bestimmten neurologischen Erkrankungen haben die Patienten oft kein Schmerzempfinden, was oft mit dem Risiko von schädlichen, langen Druckbelastungen verbunden ist.
Wichtig zu wissen:
Es muss eine ärztliche Versorgung sichergestellt werden. Bei Anzeichen einer Infektion (Fieber, Verwirrtheit, Schüttelfrost), muss umgehend ärztliche Hilfe aufgesucht und gegebenenfalls eine Klinikeinweisung eingeleitet werden.
Zu wenig beachtete Kategorien
Es gibt zwei weitere Kategorien, wie sich ein Dekubitus darstellt, die auch in Fachkreisen noch zu wenig bekannt sind- dabei sind sie für eine richtige Einschätzung der Situation entscheidend.
Dekubitus nz
Es handelt sich hierbei um ein Druckgeschwür, dass keiner Kategorie zugeordnet werden kann. Bei dieser Dekubituskategorie liegt auch ein vollständiger Gewebeverlust vor, allerdings kann man aufgrund des feuchten oder trockenen Belages auf der Wunde den Wundgrund und die Tiefe nicht erkennen. Daher fällt die Beurteilung schwer, ob es sich um eine Kategorie III oder IV handelt. Der Belag kann aus Eiter, Fibrin (Eiweiß-Wundbelag) oder Schorf bestehen.
Wichtig zu wissen:
Was wie eine gewöhnliche Kruste aussieht, ist keine. Bei einem Dekubitus dieser Kategorie verbirgt sich unter dem Belag häufig eine Nekrose – abgestorbenes Gewebe, das die Heilung aktiv verhindert. Die Wunde kann nicht heilen, solange die Nekrose nicht medizinisch entfernt wird. Was von außen harmlos wirkt, ist innen ein ernstes Problem.
Genau wie bei den Kategorien III und IV gilt: Jede Stunde zählt. Eine bedarfsgerechte Wundtherapie muss schnell eingeleitet werden – durch den Arzt, in enger Zusammenarbeit mit besonders qualifizierten Pflegekräften.
Wer hier zögert, riskiert mehr als eine verzögerte Heilung.
Vermutete tiefe Gewebsschädigung (vtG)
Die vermutete tiefe Gewebsschädigung zeigt sich als violetter oder rötlich braun verfärbter Hautbereich. Die Haut kann bei der vtG oberflächlich noch intakt sein oder es liegt eine blutgefüllte Blase vor. Bei der vtG liegt eine Schädigung des tieferen Weichgewebes durch Druck oder Scherung des Gewebes an einem Knochen vor.
Wichtig zu wissen:
Was wie ein blauer Fleck aussieht, ist keiner. Eine verfärbte, intakte Haut kann darüber hinwegtäuschen, was darunter bereits passiert ist: In der Tiefe hat sich ein schwerer Gewebeschaden entwickelt – unsichtbar von außen, aber real und fortgeschritten.
Der Verlauf ist in der Regel rasant. Aus der vermeintlich intakten Haut wird eine massive offene Wunde. Das ist kein mögliches Szenario. Es ist die Regel. Sofortige Druckentlastung und die Beseitigung von Scherkräften sind jetzt zwingend. Den Ausbruch der offenen Wunde werden sie nicht mehr verhindern. Aber sie entscheiden darüber, wie schwer er wird.