Defizite in der Versorgungspraxis – warum das aktuelle System scheitert

Wir sprechen aus, was schiefläuft.
Die Dekubitus-Misere.

Die Versorgung von Patienten mit Hilfsmitteln gegen Dekubitus ist in der Praxis stark defizitär. Experten sprechen längst von einer „Dekubitus-Misere“ – gekennzeichnet durch einen massiven Verfall der Produkt- und Dienstleistungsqualität im Sanitätsfachhandel.

Undifferenzierte Einheitsversorgung durch den Sanitätsfachhandel

Der Prozess der Hilfsmittelversorgung wird nach einer einzigen Zielsetzung gestaltet: der eigenen Aufwands- und Kostenminimierung. Vertragliche Bestimmungen zur fachgerechten Versorgung von Versicherten? Werden von vielen Leistungserbringern schlicht nicht eingehalten. Die Defizite im Einzelnen:

  • Die Versorgung findet überwiegend ohne qualifizierte Bedarfserhebung und ohne Inaugenscheinnahme des Patienten vor Ort statt.
  • Es erfolgt eine undifferenzierte Einheitsversorgung mit einfachen Schaumstoffmatratzen – auf Basis unzulässiger Telefonbegutachtungen.
  • Dokumentationen und Erhebungsbögen werden als lästige Abrechnungsvoraussetzung ausgefüllt, nicht als Grundlage für eine bedarfsgerechte Versorgung. Ein Zusammenhang zur Produktauswahl? Fehlt meistens.
  • Die Versorgung wird mit unzureichend qualifiziertem Personal durchgeführt, das die notwendige Beratung nach § 127 Abs. 5 SGB V nicht erbringen kann. Ein Auslieferungsfahrer kann die komplexe pflegerische Situation und das Mobilitätsrisiko eines Patienten nicht sachgerecht beurteilen.
  • Notwendige Dienstleistungen – Reaktionszeit, Nachbetreuung, Versorgungsüberprüfungen bei Dekubitusentstehung, Umversorgungen, Folgeberatungen – werden nicht erbracht.
  • Die Versorgung ist ausschließlich kostenorientiert: ein Telefonat, eine Dokumentation, eine Einheitsmatratze. Vor Ort ermittelt wird nichts.

Fazit: Mit diesen Defiziten lassen sich die Ziele der Dekubitusprävention und -therapie nicht erreichen – im Gegenteil: Sie setzen Versicherte einem erhöhten Dekubitusrisiko aus, gefährden ihre Gesundheit und verursachen höhere Kosten.

Strukturelle Defizite bei den Kostenträgern

Auch die Krankenkassen selbst haben ein Problem in der Leistungssteuerung:

  • Veraltete Verträge: Weniger als die Hälfte der Kostenträger hat ihre Verträge an die qualitativen Anforderungen der PG-11-Fortschreibung angepasst.
  • Fehlgesteuerte Vergütung: Erstattungspreise werden oft noch starr nach Dekubitusgraden festgelegt. Die Folge: Patienten mit sehr hohem Dekubitusrisiko, aber noch ohne Druckgeschwür, werden unterversorgt – und der Dekubitus entsteht zwangsläufig.
  • Mangelndes Controlling: Trotz gesetzlicher Verpflichtung (HHVG) finden kaum wirksame Kontrollen statt, ob Versorgungsverträge eingehalten werden. Das öffnet Anbietern Tür und Tor: Niedrigstpreise gewinnen Verträge, notwendige Dienstleistungen werden anschließend unterlaufen.
  • Abteilungsdenken verhindert echte Kosteneinsparungen: Starres Spartendenken und die alleinige Fokussierung auf Hilfsmittelkosten verhindern ganzheitliche Versorgungslösungen – und treiben die Kosten der Wundbehandlung unnötig in die Höhe.

Verantwortung der Industrie

Auch Hersteller tragen zur Misere bei: Irreführende Produktbezeichnungen sichern Verkaufschancen, während wichtige Hinweise auf Anwendungsrisiken, Kontraindikationen oder korrekte Aufbereitungsverfahren fehlen – zulasten des Patientenschutzes. Das Kernproblem: die fatale Fokussierung auf sogenannte „Dekubitusgrad-Etiketten“. Produkte werden beworben mit Versprechen wie „geeignet bis Grad IV“ – obwohl wissenschaftliche Fachgesellschaften wie die EPUAP betonen, dass dieser Zusammenhang zwischen Produkt und Wundstadium schlicht nicht existiert. Patienten, Pflegende, Angehörige und Sanitätshäuser werden so getäuscht. Die Eignung eines Hilfsmittels ergibt sich einzig aus dem individuellen Patientenkontext – aus nichts anderem.

Fazit: Die Vereinfachung der Hilfsmittelversorgung ist weder ethisch vertretbar noch wirtschaftlich sinnvoll. Um Folgekosten zu senken, führt an einer individuellen, fachlich fundierten Bedarfsermittlung und Versorgung durch Fachpersonal kein Weg vorbei.

Wir benennen Defizite,
Verantwortung,
Konsequenzen.